Vor 30 Jahren, als die Mauer fiel.

Vor 30 Jahren, als die Mauer fiel.
20. Jan 17:31 2020 von Thomas Kewitz

Authoren schreiben - Thomas Kewitz:

Der 9. November 1989. Was ein schrecklicher Tag! Damals offenbarte mir meine damalige Lebensabschnittsgefährtin das sie sich in ihren Professor verliebt hatte. Scheiße. Dummerweise wohntaen wir zudem auch noch in ein und derselben WG. Donaustraße, Neukölln. Unweit des Maybachufers am Landwehrkanal.   Hier, am frühen Abend unter den alten Trauerweiden, ergab ich mich in der einbrechenden Dunkelheit dem Liebesleid, heulte Rotz und Wasser, während mir gegenüber der Todesstreifen in grellem Licht erstrahlte. Ob die beiden Verteidiger des antifaschistischen Grenzwalls schon mitbekamen was sich da gerade in diesem Moment in ihrer Volksrepublik zusammenbraute? Ich jedenfalls hatte keine Ahnung. Und es wäre mir in dieser Situation auch vollkommen egal gewesen. Dementsprechend anteillos war die Reaktion auf meinen Mitbewohner und sehr guten Freund, als er mir, nachdem ich wieder zu Hause war, von einer seltsam geladenen Atmosphäre in der Stadt erzählte. Es hieße die Mauer fällt.Wir sollten unbedingt schauen was da vor sich ging. Eigentlich war mir nur nach Leiden, doch plötzlich sah ich mich meinem Freund hinterher trottend wie ein begossener Pudel. Ziemlich betreten und geistlos. Zunächst folgten wir dem Landwehrkanal bis zu dem Teil der Mauer, der die schlesische Straße von der Putschkinallee trennte. Doch nichts. Wie immer tote Hose. Erst ein Stück weiter Richtung Übergang Oberbaumbrücke erfüllte ein wachsendes Gegröle die Berliner Luft. Es waren vor allem jüngere Leute in geschmacklosen Trainingsanzügen, die dort in großen Gruppen lautstark die Spree überquerten. Damals, an jenem Fuß-Übergang für pensionierte Ost-Rentner.Doch selbst dieser spektakuläre Anblick änderte noch immer nichts an meiner Zombiestimmung. Auch nicht als wir spaßeshalber einmal in den Osten und wieder zurück spaziert sind und uns beim Eintreten in Recht und Freiheit zum Empfang als erstes Coca-Cola und Wrigleys Kaugummis in die Hände gedrückt wurden. 

Schnell liefen wir weiter, beziehungsweise dackelte ich hinterher. Den Übergang Heinrich-Heine-Straße erinnere ich nicht.  Allerdings mag es weniger an meinem Liebesleid gelegen haben als daran, das sich dort tatsächlich nichts abspielte. Im Gegenteil zum Checkpoint Charlie. Hier war schon die Hölle los.  Unzählige Menschen. Anscheinend hatten sie erst gerade im Moment damit begonnen, auch Fahrzeuge hinüber zu lassen. Es knatterte aus Trabant-Auspüffen,Sektkorken knallten, Freudegeschrei, Umarmungen von Wildfremden und langsam aber sicher das Ende meiner Lethargie. Doch wir blieben nicht lange, sondern folgten dem Grenzverlauf auf der Westseite bis zum Brandenburger Tor.  Dort schien alles noch recht überschaubar, turnten nur ein paar dutzend Personen auf der Mauer herum, die einzig an dieser Stelle breit genug zum Tanzen war. Junge Menschen wie wir,  eher alternativ, Studenten, flippig, zogen uns hinauf und man begrüßte sich wie den sympathischen Teil der Familie. Super Stimmung! Unten, auf der Ostseite, reihten sich währenddessen unzählige Vopos, denen genauso wie uns Wein, Bier oder Sekt angeboten wurde. Ihre Gesichter sprachen Bände. Vollkommen perplex, ziemlich  nervös und unbeholfen,  versuchten sie  immer wieder Leute daran zu hindern auf ihre Seite zu springen.  Doch schließlich gaben sie auf,  rückten ab und begannen sich erneut zu formieren. Nun aber von uns aus gesehen hinter dem Brandenburger Tor und vor ihren eigenen Leuten. Was sie wohl dachten, als sie all die imperialistischen Kapitalisten auf ihren Todestreifen urinieren sahen?

Eben noch keine einzige Kamera, standen plötzlich ganze Bühnen auf der Westseite, und richteten mächtige  Scheinwerfer gen Mauer.  Auf der wurde es mittlerweile richtig voll und bunt. Schnöselige Anzugsträger tanzten Arm in Arm mit versifften Punks den Mauertogo. Es ging immer wilder zu und es schien als würde der Alkohol aus unerschöpflichen Quellen fließen. Mir nichts Dir nichts hast Du eine Flasche unverschämt teuren Schampus in der Hand. Und je mehr Spießer auf die Mauer kletterten, desto weniger mangelte es, ja desto teurer wurden die Getränke für die, die sie bestellten und sich liefern ließen.  Die Grenzen zwischen den Klassen verschwommen, lösten sich gänzlich auf. Überall Freudentränen, Überschwang, Umarmungen. Ein riesen großer Rausch! Und auch ich konnte bald nicht mehr anders als mich richtig glücklich zu fühlen. Da sah ich gen Osten und dachte „Endlich! Endlich bist du offen! Endlich Ende Krieg! Endlich Schluss mit Stuss“ und ein unbeschreibliches Gefühl der Freiheit übermannte mich. Ein Gefühl wie man es nur auf einer Mauer haben kann, deren Fall genau den Frieden bedeutete, den sich die Menschen auf beiden Seiten seit Jahrzehnten von Herzen wünschten.  Aus mit der Bedrohung! Schluss mit den Schikanen! Es war wie der Beginn eines neuen Zeitalters. Der Beginn der Herrschaft der Vernunft. Und ich war glücklich besoffen, wackelte dementsprechend so im Morgengrauen nach Hause. Doch schon am nächsten Tag wehten überall die deutschen Flaggen…

Über den Author

Thomas Kewitz
Thomas Kewitz

bekennender Antinationalist

Email: thomas-kewitz@gmx.net

 

Das könnte Sie auch interessieren

Massivholzmöbel mit Meerblick

Massivholzmöbel mit Meerblick

Gern verlegen wir unsere Kreativmeetings in die Natur. Manch einer kennt Warnemünde wahrscheinlich nur als Ort der Seepromenade mit dem breitesten Sandstrand der Ostsee, dem berühmten Hotel Neptun, dem Strom und dem Kreuzfahrthafen mit mehr als 180 Anläufen jährlich.

Die besten Jagdmesser auf KnifePark.com

Die besten Jagdmesser auf KnifePark.com

Im Knife Park gibt es neben Jagdmessern auch Messer anderer Art, wie z. B. Buschmesser, die auch bei Wanderern, die gerne jagen oder einfach nur in die Berge oder zum See fahren, sehr beliebt sind.

Ferien in Deutschland: Die 10 schönsten Zeltplätze

Ferien in Deutschland: Die 10 schönsten Zeltplätze

Camping ist mehr als nur eine Art, seinen Urlaub zu verbringen. Es ist ein Lebensgefühl. Dabei müssen leidenschaftliche Camper gar nicht unbedingt in die Ferne schweifen. Hier sind die 10 schönsten Zeltplätze Deutschlands.

WingTsun – die Kampfkunst zur effektiven Selbstverteidigung

WingTsun – die Kampfkunst zur effektiven Selbstverteidigung

Die Kampfkunst WingTsun kennt viele Namen. Egal ob man den Stil nun Wing Chun, WingTsun oder auch Wing Do nennt – die Kernidee bleibt immer die gleiche: Wirksame Selbstverteidigung.

Ein Interview mit einem der besten Personal Trainer in Deutschland

Ein Interview mit einem der besten Personal Trainer in Deutschland

Lenke deine eigenen Gedanken, glaube an dich selbst, denn es ist allein deine Verantwortung, dein Geist, welcher dein Leben steuert!

Geocaching

Geocaching

Eine Idee, die ursprünglich aus den Vereinigten Staaten kommt, hat sich nun auch in Deutschland etabliert – und das nicht erst seit gestern.

Bouldern

Bouldern

Ob im Sommer in freier Natur oder im Winter in der Kletterhalle – Bouldern ist ein faszinierender Ganzjahressport.

Kreuzfahrten – die Welt mit dem Schiff bereisen

Kreuzfahrten – die Welt mit dem Schiff bereisen

Über 20 Millionen Gäste begeben sich mittlerweile jährlich auf eine Kreuzfahrt. Attraktive Angebote für Familien haben dazu geführt...

Übernachten am Strand

Übernachten am Strand

Übernachten am Strand ist für viele Menschen ein Traum. Häufig wird dieser Traum in der Jugendzeit ausgelebt.