Ein Plädoyer für die Liebe

Liebe
Ein Plädoyer für die Liebe

Schreib mal was über die Liebe… lautet die Bitte. Kein Problem, denke ich und setze mich an einem lauen Sommerabend in den Garten. Die blühenden Rosen flackern im Kerzenlicht. Die Nacht fällt leise und geheimnisvoll ins feuchte Gras. Meine Finger schweben über der Tastatur. In meinem Kopfkino beginnt ein Film mit Szenen aus meinem Liebesleben.

Der erste Kuss mit 15 in einer dunklen Ecke hinter einem Haus. Hoffentlich erwischt uns keiner, pochte es damals in meinen Gedanken. Gepaart mit einer ungeheuren Aufregung: Gleich werde ich wissen, wie das ist, wenn der Junge meiner Träume mich küsst. Und dann diese schlabbrige Zunge überall im Gesicht. Iiigitt. Nie wieder! Mit dem Küssen war ich erst mal für längere Zeit fertig.

Doch nur zwei Jahre später brannte die Verliebtheit erneut ein Loch in meine Gedanken und auch das Küssen schmeckte dieses Mal um Längen besser und war technisch ausgereifter. Der Geschmack der Leidenschaft entfesselte meine Libido ohne Hadern und Bedauern. Und ich ließ sie frei. Für eine lange Weile.

Bis zu dem einen magischen Augenblick, als ich in SEINE Augen schaute. Sein Blick flüsterte Versprechen in die Zukunft, meine Sehnsucht hatte plötzliche einen Namen und trug die Farbe seiner Augen. Meine Nase wollte nur noch über diese Haut kriechen, jeden Zentimeter einatmen und ablecken.

Wir waren verrückt nacheinander. Und verrückterweise stürzten wir uns sofort in das Abenteuer Ehe. Weil ich mir so wünschte, fest und für alle deutlich an seiner Seite zu sein. Unsere Verliebtheit schlug allerlei Kapriolen, bis sie langsam aber stetig der Liebe Platz machte.

Diese Flamme nicht ausgehen zu lassen, war und ist nicht immer einfach. Denn es gibt auch viele graue Zeiten oder die Lust liegt nicht immer wie ein Versprechen auf den Lippen des anderen.
Manchmal ergibt ein Wort das andere und man streitet sich, kann sich mal nicht so gut leiden. Dann muss man sich wieder versöhnen, was man gemeinsam lernen muss. Und so eine Versöhnung ist am Ende auch schön und die Liebe trägt wieder ein frisches Gewand.

Die Liebe wächst und wächst, auch miteinander und aneinander. Sie trägt so viele Gesichter: Sie ist das unbändige Begehren und ungeduldige gegenseitige Ausziehen; Liebe ist der Kuss, die Umarmung und das stolze Lächeln, wenn die Kinder eingeschult werden; sie ist der Kartoffelsalat, den man ihm zum Fußballspiel macht; sie ist die warme Jacke, die er ihr fürsorglich über die Schultern legt; sie ist die ehrlich gemeinte Kritik, damit der andere wachsen und gedeihen kann.

Man muss sie allerdings zulassen, die Liebe. Ihr vertrauen und ihr Zeit geben. Dann ist sie die Wärme dieses kalten Tages und die Sonne des vergangenen Sommers, das lodernde Feuer und die warme Hand, die den anderen hält und trägt. Auch wenn diese schon viele Falten hat nach so vielen Jahrzehnten gemeinsamer Liebe und des gemeinsamen Lebens oder gerade deshalb.

Ich horche auf und höre das Geräusch des Schlüssels, der sich im Schloss dreht. Endlich ist er wieder zurück… das schmeckt irgendwie weich und warm, nach einem guten Tag. Ich höre auf zu schreiben und freue mich auf den Rest des Abends. Alles in mir lächelt, als er wirklich dort im Garten steht  und unsere Augen sich zärtlich berühren. Das ist Liebe, denke ich.

Antje Siegert